Regula Schmid, Präsidentin der Stiftung förderraum

«Ich staune immer wieder über die vielen Ideen»

Vor zehn Jahren wurde Regula Schmid in den Stiftungsrat des förderraum gewählt. Die St. Galler Rechtsanwältin folgte damals einer anderen Anwältin, der Rorschacherin Hannelore Fuchs, weitherum bekannt für ihr Engagement im sozialen Bereich, für ihren Kampf für die Rechte der Frauen und von Asylbewerber*innen. Seit diesem Januar ist Regula Schmid Präsidentin der Stiftung und folgt wiederum einem Menschen, der Spuren hinterlassen hat: Der Theologe und Ethiker Erich Kirtz ist ebenfalls ein «Urgestein» der sozialen Bewegung.

Regula Schmid, 55 Jahre alt, Rechtsanwältin mit den Fachgebieten Familien-, Haftpflicht- und Sozialversicherungsrecht, Mutter von vier erwachsenen Kindern, tritt also wieder in grosse Fussstapfen. Sie erinnert sich: «Damals vor zehn Jahren kannte ich eigentlich nur das Hotel Dom, doch das Konzept gefiel mir.» Im Stiftungsrat lernte sie die Philosophie dahinter und die Vielfalt der Angebote des förderraum kennen. Dabei habe ihr vor allem die Durchlässigkeit imponiert: «Mir wurde bewusst, wie individuell beispielsweise das Betreuungsangebot für einen Menschen ist, der aus der psychiatrischen Klinik kommt und noch nicht alleine leben kann. Es deckt eine breite Palette ab, von der engen Betreuung in der Wohngruppe bis hin zur punktuellen Wohnbegleitung.» Auch habe sie da erlebt, wie dynamisch das Betreuungssystem ist. «Der Mensch steht im Zentrum und bestimmt selber über sein Schicksal, über seine Zukunft.»

Die Entwicklung setzte anfangs der Neunzigerjahre im Wohnbereich ein; vorbei die Zeiten als «Behinderte» in «Heimen» versorgt wurden. Eine ähnliche Entwicklung gab es dann im Arbeitsbereich, im förderraum etwa mit dem Hotel Dom, mit Haus&Garten, mit Arbeitsplätzen in den Personalrestaurants oder mit der Lehrlingsausbildung. «Auch bei der Arbeit geht es darum, die Menschen zu befähigen, ihr Potenzial abzurufen», sagt Regula Schmid, warnt aber auch vor zu hohen Ansprüchen: «Wir müssen akzeptieren, dass nicht jeder Mensch in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden kann.» Auch das habe sie in zehn Jahren Stiftungsrat erkennen müssen.

Der Stiftungsrat des förderraum hat fünf Mitglieder und tagt etwa alle zwei Monate. Regula Schmid, bringt als Anwältin die juristische Erfahrung ins Führungsgremium. Ein Stiftungsrat sei vergleichbar mit einem Verwaltungsrat, sagt sie, er gebe die Leitplanken vor. Wobei der Stiftungsrat des förderraum eher zurückhaltend agiere, wenn es um die strategische Planung gehe. Die meisten Inputs kämen aus der Geschäftsleitung; Alma Mähr, die Geschäftsleiterin, ist an den Treffen anwesend. «Ich staune immer wieder über die vielen Ideen, die da kommen», sagt Regula Schmid. Etwa, als vor einigen Jahren geplant wurde, das Personalrestaurant der Firma Schott  in St. Gallen mit Flüchtlingen zu betreiben, denn «auch Flüchtlinge sind ja häufig Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf». Das Beispiel zeigt, dass Begrifflichkeiten wie «Unterstützungsbedarf» einem steten Wandel unterliegen; es zeigt aber auch, in welch dynamischem Umfeld sich die Sozialarbeit bewegt.

Unter Erich Kirtz, dem Vorgänger von Regula Schmid, hat der förderraum seine Angebote ausgebaut. Zum Wohnangebot kam die Arbeits- und die Tagesbetreuung, zu den Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen kamen Menschen mit psychischen Problemen oder Flüchtlinge. Doch die Veränderungen gehen weiter, und nach der inhaltlichen kommt die geografische Ausweitung des förderraum. Er wächst aus dem Norden in den Süden des Kantons St. Gallen, zuerst von der Sitter ins Rheintal, und jetzt auch noch zum Gonzen und an den Zürichsee. Zurzeit entstehen Neubauten in Sargans und in Uznach. Bald gibt es auch dort Wohn-, Betreuungs- und Arbeitsangebote. Diese neuen «Filialen» in die gesamte Organisation einzubinden, das sei jetzt die Herausforderung für die Geschäftsleitung und für den Stiftungsrat, sagt Regula Schmid.

Man mag den förderraum heute als Sozialfirma bezeichnen – ein nicht überall geschätzter Begriff, trifft er dennoch einen Teil der Wahrheit. Doch einen anderen Teil der Wahrheit will die neue Stiftungspräsident mindestens so betonen, wenn sie sagt: «Der Wert einer Gesellschaft misst sich daran, wie diese mit Menschen umgeht, die eine Beeinträchtigung haben.» Wenn man den förderraum anschaut, könnte man denken, unsere Gesellschaft mache das gerade nicht so schlecht.